Zwischen Aufklärung und Fabrikepoche

Die frühen Ideen der Aufklärung in dem gothaischen Staatssystem Ernsts des Frommen wirkten in Altenburg unter Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg im ersten Viertel des 18. Jh. fort. Sie tru¬gen noch bis weit in jenes Jahrhundert hinein zur Entstehung einer handwerklichen Infrastruktur, zur Förderung von Bergbau und Me¬tallhandwerk, Textil- und Glasherstellung im Lande bei. Die tiefe Religiosität setzte sich in pietistischem Denken und neuen sozialen Bestrebungen fort – der Stifter beispielhafter sozial-pädagogischer Einrichtungen in Halle an der Saale, August Hermann Francke, war der Sohn eines Gothaer Hofbeamten -, ebenso in Schulreformen, wie sie später von Zinzendorf in Jena unternommen wurden.
Ernst der Fromme hatte 18 Kinder. So entstanden 1680/81 in sei¬ner Nachfolge mehrere größere und kleinere Herzogtümer: Mei-ningen, Römhild, Hildburghausen, Saalfeld und Eisenberg, und mit ihnen die zum Teil aufwendigen Schloßbauten, welche – wie in Ei¬senberg – nur kurze Zeit ihren Erbauern dienten, da die Herrscherli¬nie erlosch. Gotha – insbesondere unter Friedrich I. – und Meinin¬gen leiteten die glanzvollen thüringischen Hofhaltungen des Barock ein, wie sie sich in Eisenberg oder Saalfeld architektonisch bündeln. Gotha und Altenburg waren auch die ersten Höfe, an denen Thea¬teraufführungen zum festen Programm der Lustbarkeiten gehörten. Den Bildungsstand des Hofes – Ernst der Fromme war für diesen ja ein unnachgiebiger Lehrmeister – bezeugen insbesondere in Gotha und Altenburg auch baulich die Tätigkeit des hochgebildeten Veit Ludwig von Seckendorff als hoher Regierungsbeamter Ernsts, später das Wirken des Astronomen Franz Xaver Freiherr von Zach und Bernhard von Lindenaus oder des Verlegers Justus Perthes unter Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Der Herzog höchstpersön¬lich förderte auch die Bestrebungen des Pädagogen Christian Gott¬hilf Salzmann nach geistiger und körperlicher >Ertüchtigung< der jungen Menschen – umgesetzt in der nachbarocken Anlage der Salz- mannschcn Schule in Schnepfenthal und in dem nahegelegenen ersten deutschen Turnplatz, beides noch heute gut erhalten.
Anders der Barockmensch Ernst August I. in Weimar. Bis zur Bru¬talität vermochte sich seine Jagdleidenschaft und soldatische Begei¬sterung zu steigern – doch gerade dieser Mann ließ seit 1728 die bei¬den feinsinnigen Baumeister Johann Adolf Richter und Gottfried Heinrich Krohne in der bislang landstädtischen Residenz die reiz¬vollsten thüringischen Barockbauten errichten: Das Belvedere- Schloß am Rande der Weimarer Parklandschaft ist ein Werk Richters und Krohnes, welcher mit den barocken Dekorationen im Rudol- städter Schloß und dem Bau der Orangerie in Gera hervortrat. Ge¬meinsam schufen sie auch das Rokokoschloß der Dornburger Grup¬pe. Ettersburg bei Weimar und die Gothaer Orangerie, das barocke Schlößchen Molsdorf bei Erfurt und das Eisenacher Stadtschloß er¬baute Krohne in eigener Regie.
1775 übernahm Carl August, Enkel Ernst Augusts I. in Weimar, erst 18jährig die Regentschaft. Mit ihm stieg Weimar zur klassisch er¬neuerten Residenz auf, von der nun für ein halbes Jahrhundert die Aufklärung und musischer Reichtum ausstrahlten. Seit 1774 war der junge Herzog mit Johann Wolfgang Goethe bekannt. Er holte den wenig älteren Dichter an seinen Hof, an dem seit 1772 schon Chri¬stoph Martin Wieland wirkte. Johann Gottfried Herder kam 1776 nach Weimar, und Friedrich Schiller besuchte 1787 die Stadt. Nun begann auch jener für Thüringen insgesamt so befruchtende kultu¬relle und naturwissenschaftliche Austausch zwischen Weimar, Jena und Erfurt, der neue Zeichen setzen sollte. Was Christian Reichart gegen Mitte des 18. Jh. mit dem gewerblichen Gartenbau auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Anschauung in Erfurt eingelei¬tet hatte, fand in Goethes naturwissenschaftlichen Studien seine Fortsetzung. Gleichfalls in Erfurt entstand Mitte des 18. Jh. eine er-ste staatliche Leihbank, und Ende des Jahrhunderts gab es hier eine erste Textil- bzw. eine erste Schuhfabrik. In Apolda, das nur 3500 Einwohner zählte, klapperten 1779 rund 780 Webstühle.
Ein weit empfindlicheres Produkt erlangte seit Mitte des 18. Jh. für Thüringen Bedeutung: das Porzellan. Der Schleizer Johann Fried¬rich Böttger gilt zwar als sein Erfinder, die erste Porzellanmanufak¬tur gründete indes für den Schwarzburg-Rudolstädter Fürsten 1760 der naturkundlich begeistere Theologe Georg Heinrich Macheleid in Sitzendorf. Bald verlegte er diese nach Volkstedt, wo man heute noch Porzellan herstellt. Andere Höfe etablierten danach gleiche Prestigeunternehmen: in Veilsdorf für den Hildburghausener und in Wallendorf für den Coburger Hof, Limbach gehörte zum Meininger, Ilmenau zum Weimarer und die Porzellanmanufaktur Eisenberg zum Altenburger Haus. Seit dem späteren 19. Jh. bauten Hotellerie und Haushalte, aber auch die neue Sanitärtechnik immer mehr auf das Porzellan: Kahla wurde größter Geschirrhersteller Europas. Schlie߬lich benötigte die junge Elektrotechnik Porzellan-Isolatoren und Ke-ramik für den Gerätebau.
Den heraufdämmernden Zeitenwandel erlebten Goethe und sein Großherzog Carl August auf eigene Weise: Beim Erfurter Fürsten¬ kongreß begegneten beide dem ersten Herrn jener neuen Epoche, Napoleon. Zumindest Goethes Hochachtung ist belegt. Während der Großherzog die Wissenschaften in Jena förderte – Johann Gott¬lieb Fichte und Friedrich Wilhelm Josef Schelling lehrten hier – schlossen sich nur wenige Jahre später die Studenten der Universität zur Burschenschaft zusammen, um leidenschaftlich für ein einheitli¬ches deutsches Land zu kämpfen. Mit Skepsis blickte der Großher¬zog auf solch Neues, Goethe zeigte sich tief bewegt von der Verän¬derung der Arbeit durch die Maschine. Als der Dichter vier Jahre nach dem Großherzog 1832 starb, arbeitete Friedrich List an seiner Denkschrift »Über ein sächsisches Eisenbahnsystem« – 1846 hielt der erste Zug in Weimar.

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