Zwischen Aufklärung und Fabrikepoche 2

Angesichts der >klassischen< Historie Thüringens gerät heute all¬zu leicht in Vergessenheit, welche sozialen Probleme und Auseinan¬dersetzungen das Land mit dem Anbruch der Industriellen Revolu¬tion des 19. Jh. belasteten und erschütterten. Der >Wald< galt lange als eines der deutschen >Armenhäuser<, in Rhön und Grabfeld ran¬gen seit dem ausgehenden Mittelalter die Bewohner um die Siche¬rung ihrer elementaren Lebensgrundlagen. Nicht ganz von ungefähr hatte von diesen Höhen herab der Bauernaufstand im Werra-Tal seit etwa 1515 großen Zulauf erhalten. Noch gegen Ende des 19. Jh., als die Industrialisierung großer Landstriche bereits vorangeschritten war, schrieb der »Rhönspiegel«, daß der Ackerboden die dreifache Fläche haben und der Ertrag der doppelte sein müßte, sollen beide die Bevölkerung dieser Landschaft ernähren können. Wie muß es da im 16. Jh. ausgesehen haben! In Sonneberg war es zu Beginn des 19. Jh. – nach dem großen Handelsprivileg von 1789 – nur wenigen Fabrikanten gestattet, Spielzeug herzustellen. Das Bossiergewerbe hatte bis dahin vom >Teig< gelebt, einer Modelliermasse aus Leim, Schwarzmehl und Wasser, aus der man neben der traditionellen Holzfigurenschnitzerei Puppen herstellte, zwischenzeitlich während der Napoleonischen Kriege auch >Merbeln<, Tonkugeln für Feuer¬waffen. Die bescheidene Puppenproduktion des 18. Jh. deckte den sich ausweitenden Markt jetzt nicht mehr ab, und so verzeichnete man 1844 für die Sonneberger Gegend 750 Beschäftigte in der Her¬stellung von Pappmache-Puppen. Aus der >Arme-Leute-Beschäfti- gung< im Waldbauern- und Holzfällerland erwuchs also eine Indu¬strie eigener sozialer Prägung und Auswirkung. Der südliche Thürin¬ger Wald gilt seither als das Spielzeugland – und bis heute lebt ein Teil der Sonneberger Elektroindustrie von der Herstellung inzwi¬schen technisch hochentwickelten Spielzeugs.
Schon 1597 richteten sich mit Privileg des Herzogs Kasimir von Sachsen-Coburg an der Lauscha Glasmacher ein. Im engen und tief eingeschnittenen Tal fand man den Rohstoff, und es entstanden die ersten Hütten. Jene Fabrikanten begründeten damit nicht nur die spätere Glasindustrie, die >Greiners< und >Miillers< bildeten auch durch Jahrhunderte echte Glasmacher-Dynastien im Lauschaer Um¬land. Die Glasbläserei weitete sich zu einer Heimindustrie aus; und als im 19. Jh. der Bedarf an veredeltem Glas rascher wuchs, als die industrielle Entwicklung im noch immer schwer zugänglichen Kammland des Thüringer Waldes voranschritt und Ende des Jahr¬hunderts die Schienenwege Sonneberg und Lauscha erreicht hatten, setzte ein wirtschaftlicher Aufschwung in der Region ein. Die Glas¬bläser stellten nun Glasgeräte für die Medizintechnik und Glaskör¬per künstlicher Tier- und Menschenaugen her, mehr und breitere Weltgeltung noch erlangte das in Lauscha kreierte Glasversilbe- rungsverfahren. Mit dessen Hilfe hergestellter Christbaumschmuck rückte alsbald zum Exportschlager der thüringischen Glasbläser auf.
Zu Beginn des 19. Jh. verhinderten dynastische Einzelinteressen und mit ihnen enge Zollgrenzen die aus dem Handwerk hervor-wachsenden unternehmerischen Initiativen. Mehr zögerlich traten einige Fürstentümer dem unter preußischer Schirmherrschaft ent¬standenen, aber nur kurzlebigen Zoll- und Handelsverein der Thüringischen Staaten bei. Erst die Lockerung und schließlich weit¬gehende Beseitigung der Eingrenzungen öffnete die Länder und Ländchen auch der Industrialisierung. So griff die Textilindustrie nun weniger von Apoldas Webstühlen als von Gera und dem sächsi¬schen Vogtland auf das Elster-Tal, Greiz und Schleiz aus. Gera wur¬de schließlich Thüringens erste Industriegroßstadt. Im Meiningi- schen gründete Joseph Meyer ein Stahlwerk und seine >Eisenbahn- schicncncompagnie<; er förderte damit wohl den Eisenbahnbau und die industrielle Öffnung dieser Region. Übrigens ist Meyer ein her¬vorragender Zeuge jener industriellen Gründergeneration, die sich in England das erforderliche Know-how für Fabrikation und Handel aneignete. Erfolge errang er indes als Gründer des bibliographi¬schen Instituts< in Gotha und als Herausgeber des nach ihm be¬nannten »Conversationslexikons«.
1816 hatte sich Weimar als erster thüringischer und deutscher Kleinstaat seine Landständische Verfassung gegeben – sie bildete eine Keimzelle des bürgerlichen Parlamentarismus des 19. Jh. Als mit der Industrialisierung zugleich die sozialen Umschichtungen zu Spannungen zwischen den unterschiedlichen Gruppen in der Ge¬sellschaft führten, zunächst vordergründig der aufstrebenden bürger¬lichen und der höfischen, ließen sich diese nach der Juli-Revolution von 1831 noch durch neue Grundgesetze mildern, so in Weimar und Altcnburg. 1848 aber brachen die mit der einsetzenden industriellen Umstrukturierung der Gesellschaft rascher wachsenden Wider¬sprüche endgültig hervor. In Gotha, Altenburg und den reußischen Fürstentümern eskalierten die Volksaufständc regelrecht. Der Alten¬burger Herzog wurde zum Abdanken gezwungen, der Gothaer ver¬mochte den Fortbestand des Hauses durch Reformen zu retten. In den reußischen Fürstentümern erreichten die Reformer zumindest eine Zusammenführung des völlig unübersichtlichen Verwaltungs¬wesens. Immer lauter aber klang nun der Ruf nach Einigung Thürin¬gens mit einem Landtag in einer Landeshauptstadt Erfurt. Wenn das auch nicht gelang, so traten doch angesichts der wachsenden Verei¬nigungsbestrebungen in deutschen Landen Ernst II. von Gotha und der Weimarer Großherzog Carl Alexander für neue staatliche Kon-stellationen ein und suchten sich nationalen Forderungen zu nähern. Historisches sollte zunächst aus dem kleinstaatlichen her¬aus in nationales Licht rücken: Es entstand – von der Großherzogin Sophie begründet – in Weimar das Goethe-und-Schiller-Archiv als eine erste national-deutsche Geschichts- und Kulturstätte.

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