Weißensee

War die kleine Stadt im weiten Unstrut-Tal Kernpunkt des Thüringer Reiches? Lag auf dem Gips- und Tonmergelfels, auf dem die Runne¬burg steht, im 6. Jh. ein zentraler befestigter Herrschersitz jenes Rei¬ches? Ein verlockender Gedanke angesichts der historischen Macht¬kämpfe in dieser Gegend und doch eine hypothetische Frage – Belege gibt es keine. Einst war die ständig von der Unstrut überflutete Land¬schaft nur schwer zugänglich, und selbst die preußischen Beamten, die mit dem ausgehenden 19. Jh. das ihnen zugefallene Land sondier¬ten, stießen noch auf eine solche Situation. Erst neuere wasserbau¬technische Maßnahmenbeseitigten dieses »Problem Unstrut«.
Wo genau fand 531 die Schlacht Herminafrieds, des Stammesfüh¬rers der Thüringer gegen den fränkischen Ansturm statt, welche er verlor, und wonach einer sächsischen Besiedlung Nordthüringens nichts mehr im Wege stand? Welche Rolle spielte die Landthingstät¬te der Thüringer, die südwestlich Weißensees am Zusammenfluß von Gera und Unstrut lag? Historiker und Archäologen sind gefragt.
Präziseres brachten Forschungen in den letzten beiden Jahrzehn¬ten zu Tage. Sie führen uns ins 12. Jh., wo die Runneburg zum land¬gräflichen Sitz ausgebaut wurde. In diesem Zusammenhang ist wohl auch die Meldung der Reinhardsbrunner Chronik zu verstehen, nach der die Landgräfin Jutta, eine Halbschwester Kaiser Barbarossas, hier ein »viridarium« – übersetzt einen Lustgarten – anzulegen veranlaßt hat. Aufenthalte der Minnesänger um Walther von der Vogelweide gelten als gesichert. Doch ebenso beanspruchten die Welfen diesen Ort, und schließlich gerieten die Ludowinger zwischen staufische und welfische Machtinteressen. Auch wenn Landgraf Hermann I. durch Hin-und-Herpaktieren Auseinandersetzungen auszuweichen suchte, kämpften 1180 die Heerscharen Heinrichs des Löwen die landgräflichen Truppen bei Weißensee nieder, freilich ohne die Burg wohl wirklich zu vereinnahmen. Auch 1204 hielt unter Hermann I. die Runneburg dem herangezogenen Stauferheer Philipps von Schwaben Stand, und 1211 wurden vor Weißensee kaiserliche Trup¬pen durch die thüringischen Ritterscharen im Handstreich aufgerie¬ben. Im Gegenzug nahm Otto IV., inzwischen Kaiser, den weiten Weg aus Italien auf sich, um mit seiner schwäbisch-bayrischen und bran- denburgischen Streitmacht die Runneburg erneut zu belagern. Ließ er dazu den »triboc« heranschleppen? Mit dieser gewaltigen, 18 m ho¬hen Steinschleuder vermochte man bis zu 100 kg schwere Brocken an die 400 m weit zu »schießen«. Ihr Nachbau steht funktionstüchtig auf der Runneburg. Doch auch damit mißlang wohl die endgültige Einnahme der Burg – denn 1225 hielt Ludwig IV., Gemahl der heili¬gen Elisabeth, in Weißensee wieder einen prunkvollen Hoftag ab.
Selbst in der nur punktuellen Erwähnung historischen Gesche¬hens verdeutlicht sich der mittelalterliche Rang des Ortes, an dem ein wichtiger Nord-Süd-Handelsweg die für die Landgrafen so rele¬vante Verbindung zwischen der Wartburg und der Neuenburg kreuz¬te. Eine wohl seit dem 12. Jh. südlich der Burg vorhandene Siedlung um den alten Markt weitete sich nordostwärts um die Petrikirche auf das Dreifache aus. Auf die Burg orientiert die Längsachse des neuen Straßenmarktes. Auffällig deren Ähnlichkeit mit der Platzsituation in Mühlhausen (s.S. 319). Damit einher ging in der zweiten Hälfte des 12. Jh. die Befestigung der Stadt. Ohne natürliches Gewässer be¬durfte sie einer künstlichen Wasserversorgung. Die legte man vom Flüßchen Helbe her mit Hilfe von Gräben und Dämmen an. Der nach der Wartburg und der Neuenburg strategisch wie machtpoli¬tisch so wichtige Landgrafensitz verlor jedoch seine Bedeutung, als 1247 das Thüringer Landgrafengeschlecht erloschen war.

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