Vorwort

Was verbinden Sie mit Thüringen? Berge, Wälder, Saale und Werra, Luther und die Wartburg, Eisenach und Bach, Goethe und Herder in Weimar, Schiller und Carl Zeiss in Jena? Denken Sie an Porzellane aus mehr als zwei Dutzend Manufakturen, Spielzeug aus Sonneberg, an die Meininger Theater-Tradition, das Skatgericht in Altenburg oder an »den Gotha«, jenes seit 1763 herausgegebene Ur-Werk genealogischer Taschenbücher, das den Namen der thüringischen Stadt trägt? Vielleicht erinnern Sie sich aber auch zuerst an die Rost¬bratwurst und an Klöße – Thüringer natürlich!
Beginnen wir mit den Ursprüngen des Landes. Soll man sie in dem Thüringer Königreich des 5. Jh. oder zwischen dem 11. und dem 13. Jh. im Gebiet der Thüringer Landgrafen suchen? Meißnische und wettinische Herrschaftsinteressen beförderten mit dem Prädikat Sachsen vor den Namen Thüringisches durch sechs Jahrhunderte, in denen es nominell Thüringen überhaupt nicht gab. Wieder und wie¬der verschoben sich Interessensphären und fürstliche Besitztümer. Mit dem 18. Jh. zerteilten mehr als zwanzig Staaten Thüringens Landschaft. Zehn ernestinische, neun reußische, vier schwarzburgi¬sche Fürstentümer zogen ihre Grenzen bisweilen mitten durch Städte wie Greiz und Ruhla. Um die Höfe entstanden zugleich die kulturellen Kerne, die sich noch heute abzeichnen. Erst das 20. Jh. brachte eine entscheidende Veränderung: Als Quintessenz erster demokratischer Entwicklungsvorgänge bildete sich 1920 das Land Thüringen – es sollte nur etwas mehr als drei Jahrzehnte bestehen; dann teilte man es 1952 in die drei Bezirke Erfurt, Gera und Suhl des ostdeutschen Staates auf. 1920 hatten sich die Coburger für Bayern entschieden, und erst 1945 waren die Suhler, Schmalkaldener und Erfurter mit ihren preußischen Provinzen zu Thüringen gelangt, das Unstrut Tal hingegen zu Sachsen-Anhalt. Das 1952 dem Bezirk Lei¬pzig zugeschlagene Altenburg kehrte 1990 nach 38 Jahren ins Thüringische zurück – ebenso Artern mit der Unstrut. So ist Thürin¬gen erneut ein eigenes Land und Freistaat, hervorgegangen aus dem demokratischen Entscheid aller Menschen dernun neuen Bundes¬länder – denn ihnen ist die Überwindung des Staatssystems der DDR zu danken, das sich sozialistisch nannte und Demokratie kaum kannte.
Das lange Zeiten agrarisch, handwerklich und merkantil, vom höfischen Kulturleben und von hartem Überlebenskampf in den Bergregionen geprägte Land ist mit dem späteren 19. Jh. gleich den anderen mitteldeutschen Landen von der Industrialisierung überrolt worden. Als sich dann in Eisenach und Gotha die Arbeiterschaft sozialdemokratisch zu formieren begann, galt Thüringen bald als rotes Land. Mit den späten 20er und frühen 30er Jahren mutierte das Rot zum Braun, die Nationalsozialisten erhoben es zu ihrem »Trutz¬ gau« – mit all den schlimmen Folgen, die sich ausgerechnet um die Klassikerstadt Weimar niederschlugen. Das Wort Buchenwald ist dafür zum Inbegriff geworden. Verschonte auch der Zweite Welt¬krieg Thüringen einigermaßen, so veränderte die Zeit danach das Land gravierend, vor allem seine Städte und Dörfer.
Und heute? Seit 1990 durchlebte Thüringen erneut einen Wan¬del, wie ihn ähnlich und doch nicht vergleichbar während der 60er und 70er Jahre das Ruhrgebiet und das Saarland vollzogen. Dieser Wandel erschien zwar radikal, weil mit ihm viele, vor allem auch kulturhistorische Belege eines guten Jahrhunderts industrieller Geschichte verschwanden. Zum anderen stellte er eine Art »Ver¬jüngungskur« dar, gelangten doch nun in großer Zahl Traditionen und Zeugnisse beinahe eines Jahrtausends Kulturgeschichte in das wieder offene Blickfeld für Historiker wie gleichermaßen für Touri¬sten.
Die alte Maxhütte in Unterwellenborn bei Saalfeld, die Schott- schen Glaswerke im Süden Jenas oder die Textilfabriken von Apolda und im Elstertal um Greiz sind abgetragen; in Gera oder Schwarza traten neue Industriekomplexe an die Stelle der »Dreck¬schleudern« aus den 60er und 70er Jahren. Gleichsam eine zweite elektronikindustrielle Neugeburt erfuhren Jena und Sömmerda. Zwar ist es mit den 90er Jahren in den traditionsreichen Waffenfa¬briken von Suhl und den Nähmaschinenwerken Altenburgs still geworden, in manchen sogar sehr still, in einigen aber regt sich neues gewerbliches und städtisches Leben. Dafür erstrahlen lange Zeit vernachlässigte Bürgerhäuser und Schlösser – das im kleinen Oppurg im Orlatal mag für viele stehen – in neuem Glanz. Renovie¬rungsgerüste umklammern alte und jüngere Kirchen. Erfurts bom¬benzerstörtes Universitätsgebäude steht wieder; Weimar und die Wartburg sind in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufge¬nommen worden, und Weimar war beinahe unerwartet 1999 eine der »Kulturstädte Europas«.
In der frühindustriell geprägten Landschaft der belgischen Bori- nage blieb kaum etwas von dem, was van Gogh in seinen Bildern wiedergegeben hat und Zola romanhaft beschrieb. Auch das Thürin¬gen, das Goethe sah und Feininger malte, hat sich seit 1990 so ver¬ändert, daß vieles nicht so geblieben ist, wie es immer war: Die Über¬und Unterquerung des Thüringer Waldes auf der Schiene und der neuen Nord-Süd-Autobahn mit der 110 m hohen Stahlbetonbogen¬brücke über das Gera-Tal, der größten ganz Deutschlands – das eins¬tige Zisterzienserkloster Volkenroda, wohin man aus Hannover den stählernen und gläsernen Christuspavillon der Weltausstellung des Jahres 2000 übertragen hat – oder die traditionsreiche Förstersche Hutfabrik in Altenburg, wo man heute im neu eingerichteten Park¬hotel nächtigt – dort, wo einst die legendären »Chapeaux Claques« gefertigt wurden! Also: Hut ab vor Thüringen und den Thüringern und wie sagen nicht nur entdeckungsfreudige Reisende: »Schauen wir mal!«

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