… und neue Wege: Thüringen bis zur Wendezeit

Thüringen gehörte von 1949 bis 1990 zur Deutschen Demokrati¬schen Republik. Die Verwaltungsreform dieses Landes gliederte 1952 die politisch-geographische Karte neu: Die drei Bezirke Erfurt, Gera und Suhl entwickelten sich nun über 37 Jahre zu Verwaltungs¬regionen. Die intensive Industrialisierung brachte Leinefelde und Apolda umfangreiche Fabrikanlagen für die Textilfabrikation, gehörig mit Chemie angereichert ebenso Schwarza. Maschinenbau, Geräte- und Werkzeugherstellung beanspruchten Platz in den engen Tälern von Zella-Mehlis und Schmalkalden, in Nordhausen und in Gera. Elekronische Geräte wurden in Erfurt, Sömmerda und Herms¬dorf hergestellt, für den Kalibergbau veränderte sich vor allem die Landschaft um Bleicherode, Sondershausen und Merkers an der Werra, dicht bei den >westlichen< Salzlagern und -Halden von Philippsthal. Für die >intensivierte< Landwirtschaft benötigte man Futtermittelwerke, wie sie bei Niederpöllnitz oder Themar und oft weithin sichtbar zwischen den Dörfern stehen. Zur Versorgung ganzer großer Regionen mit dem Baustoff Beton wurden Zement¬werke wie das von Deuna aus dem Boden gestampft.
Vor allem aber der Sport diente der Staatsrepräsentation, und nichts war dafür zu teuer. So trifft man in Erfurt und Gera auf um¬fängliche Sportforen. Gewiß sind sie heutigem Anspruch nicht an¬gemessen, man bedenke aber ihre Entstehung in den 60cr und 70er Jahren. Neben ihnen verdienen die Sprungschanzen von Oberhof und Brotterode sowie Bob- und Rodelbahnen Erwähnung. Gleich¬viel wie die politischen Bedingungen waren: Anerkanntermaßen schrieben hier Welt- und Europameister Sportgeschichte.
Mit der deutschen Wiedervereinigung kehrten Märkte und Markt- lebcn in die Städte zurück, Tourismus und Gastronomie blühten auf, und die Straßen mußten sich dem ungewohnten individuellen Mobi¬lisierungsdrang anpassen. Städte und Dörfer erhielten Farbigkeit zurück und bald auch erste Neubauten individueller Prägung. Heute haben sich die Baulücken und öden Flächen in Jena und Suhl ge¬schlossen, Meiningen oder Schmalkalden zeigen sich attraktiv neu gekleidet, Saalfeld, Mühlhausen oder Heiligenstadt lassen kaum noch ahnen, daß sie ein halbes Jahrhundert lang ergraut waren.
Doch vermag ein gutes Jahrzehnt all das nachzuholen und wie¬derzubringen, was in 40 Jahren sogenanntem Sozialismus und einem voraufgegangenen nationalsozialistischen System mit dem Zweiten Weltkrieg verloren ging, vernachlässigt und beseitigt wurde? Nord¬hausen, Greiz und Altenburg geben zu erkennen, daß hier die Indu¬strie abgebaut oder nahezu völlig aufgegeben ist. Von der aber lebten gerade diese Städte und ihre Bewohner ein Jahrhundert lang. Zwar wird hier vieles Historische restauriert und erfreut den Besucher ebenso wie in Gotha oder Gera, wo die Narben mit der neuen Stadt¬haut verwachsen. Aber wird die geschwundene wirtschaftliche Kraft gerade dieser Städte zurückkehren und die junge Generation hier halten?
Kommt man mit der Bahn aus Bayern, so überraschen kurz vor dem Saalfelder Bahnhof die mächtigen Kuben der neuen Schokola¬den >fabrik<, mit welcher eine lange und gourmet-getragene Tradition der Stadt und Thüringens weiterlebt. Erfurt, Weimar und Jena konn¬ten inzwischen neue Glanzlichter aufstecken. Letzteres ist zum Pa¬radebeispiel für den industriellen Wandel Thüringens geworden. Hier hatten bis 1989 rund 27 000 Menschen in der >Optik<, also im Zeiss- und Schottkombinat, ihre Arbeitswelt. Den Marktforderun¬gen folgend, ist dieses in zahlreiche Einzelunternehmen umgewan-delt, baulich nahezu komplett saniert und erneuert. Man schreibt in¬zwischen in Jenas Wirtschaft – wenn auch noch nicht überall – schwarze Zahlen. Trotzdem ist der Bedarf an Arbeitsplätzen hier hoch, wo die aus Traditionellem erwachsene neue Industrie mit 30 % der bisherigen Arbeitskräfte auskommt. Hoch ist nach wie vor aber auch der Stellenwert der thüringischen Universitäten in Jena, Erfurt, Weimar und Ilmenau. Die von ihnen ausgehende enge Ver¬netzung von Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft bewirkt zu ei¬nem gut Teil Thüringens Bedeutung für die moderne High-Tech-In- dustrie. Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik bestimmen das Industrieprofil Erfurts, das von Jena prägen neben der traditionellen Optik und Optoelektronik die Biotechnologie, Medizintechnik und Pharmazie sowie die Informationstechnik, welche auch Sömmerdas Wirtschaft formt. Die Automobilherstellung in Eisenach bezieht vie¬le Unternehmen des Umlandes ein.
Altstädte, Kirchen und Schlösser, Bürgerhäuser, Fachwerkbauten, Brücken und technische Kulturzeugnisse werden auf Jahre, wenn nicht auf Jahrzehnte Baustellen sein. Kurzfristig ist nicht aufholbar, was in Jahrzehnten verabsäumt wurde. Manches kam im letzten hal¬ben Jahrhundert irgendwie >über die Rundem, nun droht es zu zer¬fallen. Eigner und selbst interessierte Investoren schrecken vor dem millionenschweren Umfang allein der erforderlichen Restaurierun¬gen zurück.
Doch neue Bauwerke in Stadt und Land, neue Verkehrswege öff¬nen den Weg Thüringens in die Zukunft. Von West nach Ost sind Ferneisenbahn und Autobahn modern ausgebaut; die zweite Nord- Süd-Autobahn – neben der Berlin-Münchener – führt unter dem Thüringer Wald hindurch. In absehbarer Zeit wird sie bis nach Co¬burg und Schweinfurt vollendet und von einem schnellen, modernen Schienenweg begleitet werden. Das >Grüne Herz< schlägt wieder in der Mitte Deutschlands – fast möchte man da an die Legende um den 1190 in Flusse Saleph in Kleinasien ertrunkenen Kaiser Friedrich Barbarossa denken, welche sein Wiederauftauchen aus dem Kyff- häuser nach tausend Jahren ankündigt.

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