Thüringer Lebensart

Lebensart hat mit Herkunft, Wirklichkeit und Einflüssen zu tun. In der Geschichte und all den aus ihr herrührenden Einwirkungen und Wandlungen sollte man die Wurzeln auch thüringischer Lebensart suchen. Weniger Frühzeit und Mittelalter als vielmehr die jüngeren Epochen der Hofhaltungen und partikularen >Staaten< mit ihren Kultur- und Arbeitswelten bildeten den Humus für das, was als thüringische Lebensart angesprochen wird. Darüber sollte eines nicht in Vergessenheit geraten: der Glaube.
Immer schon und nachhaltig bestimmt er Lebensweise und Le¬bensart mit. Besonders deutlich tritt dies bei der katholischen Bevöl¬kerung des Eichsfeldes hervor. Bis in den individuellen Raum hinein prägen hier die kirchlichen Regeln und Feste das Leben. Wie leben¬dig Geschichtliches und Traditionelles geblieben sind, veranschau-licht alljährlich am Palmsonntag die Leidensprozession. Bis zum heutigen Tage behielt sie ihren Bezug auf das Geschehen um die Rckatholisierung des Eichsfeldes im späteren 16. Jh. Nicht minder glaubenshistorisch und zugleich gegenwärtig sind die Wallfahrtsorte und die Prozessionen zu ihnen. Hier wie auch in den katholisch ful- disch tradierten Rhöngemeinden ließ sich gelebter Glaube auch durch vier Jahrzehnte atheistisch-politischer Propaganda nicht be¬einträchtigen!
Unzweifelhaft gehören ebenso die zahlreichen Volksfeste zur thüringischen Lebensart, von den kirmeshaften Vergnügungen bis hin zu den historisch-themenbezogenen – denken wir nur an die >Brunnenfeste< mit dem bekanntesten in Mühlhausen oder an das >Eislcbener Kuhschwanzfest<, das aus einer >Wehrübung< im 17. Jh. herrührt, bei welcher Kühe die in nicht genügender Zahl zur Verfü¬gung stehenden Pferde ersetzen mußten.
Im weithin protestantisch weltlichen Thüringen beflügelte etwas ganz anderes die kulturelle Lebensart: das Theater. Wir befinden uns im Lande der vielen Residenzen und ihrer höfischen Bühnen zu de¬nen der >Theatermann< Ekhof 1771 einen Grundstein legte. Späte¬stens seit Goethe, Schiller, Lessing und schließlich den >Meinin-
gern< gelten die Thüringer als besonders theaterfreudig. So strahlte nicht nur von Weimar und Meiningen Theatertradition weit über Deutschlands Grenzen. Hof- und Landestheater wie in Altenburg oder Rudolstadt errangen ihren Ruf als Aufsteigerbühnen. Sie stell¬ten Bildungsinstitutionen für Generationen des Bürgertums und spä¬ter auch der Arbeitnehmer und ländlichen Bevölkerung dar, zählten
zu den begehrten Arbeitgebern bei Hofe und dann in den Städten. Auch heute erlebt man hier Theater – avantgardistisches und experi¬mentelles durchaus einschließend wie in Jenas >Theaterhaus< oder beim Weimarer >Kunstfest<. Die höher gewordenen Eintrittspreise finden zwar Akzeptanz, doch froheren Herzens begrüßt man die auswärtigen Zuschauerscharen. Denn seit nahezu einhundert Jahren gehören Bewirtung, Beherbergung und freundlicher Umgang mit Besuchern und Gästen gleichfalls zur traditionellen Lebensart der Leute in Thüringen.
Thüringen ist ein gastliches Land. Seinen Bewohnern sagt man Aufgeschlossenheit, Freundlichkeit, Frohsinn und Musikalität nach. Nicht von ungefähr fand hier der Minnesang eine besondere Heim¬statt. Johann Sebastian Bachs Geburtshaus in Eisenach zählt zu den vielbesuchten Stätten unterhalb der Wartburg, Michael Prätorius kam aus Creuzburg, Heinrich Schütz entstammt dem alten Köstritz nahe Gera. Franz Liszt in Weimar, Max Reger in Meiningen befruch¬teten das Musikleben weit über Thüringen hinaus. Dabei bedürfen die großartige Orgel Gottfried Silbermanns im Schloß Burgk, das prachtvolle Bild- und Klangwerk der von Heinrich Trost geschaffe¬nen Altenburger Schloßkirchen-Orgel und die älteste Thüringer Or¬gel von Daniel Meyer in der Schmalkaldener Schloßkapelle beson¬derer Erwähnung. Sie künden von den Quellen, aus denen auch die thüringische Volksmusik bis heute zehrt, und sie sind Schätze, die man mit Auge und Ohr genießt.
Was aber wären sie ohne jene >dritte Dimension<, die uns der Gaumen vermittelt? Lange vor den Amerikanern haben die Thürin¬ger den >Fast Food< erfunden, und sie popularisierten ihn weitaus ge¬schmackreicher als die Leute jenseits des Atlantiks. Die Rostbrat¬wurst – eben >Thüringer< genannt – ist die schnelle Mahlzeit dieses Landes und ganz Deutschlands! Dann kommen sogleich die Thürin¬ger Klöße sowie jede Menge Kuchen. Dazwischen liegt mehr, doch darüber im speziellen Abschnitt zu Thüringens Küche (s. S. 386 ff.). Unmittelbarer beinahe als das Essen gehört zur Lebensart das Trin¬ken. Schon die antiken Völker schrieben ihm größte Bedeutung zu, wußten um die Heilkraft vieler Quellwässer, und die Römer brachten den Wein bis in unsere nördlichen Gefilde. Auch hier übernahmen mit dem Mittelalter die Mönche der christlichen Klöster die Rolle der Kultivatoren. Schmuckmotive aus Weinranken und Keltereidar¬stellungen an Kirchen, an Bürger- und Bauernhäusern bestätigen, daß hier um Saale und Unstrut und überhaupt im Thüringischen seit dem Mittelalter Weinanbau und Weintrinken zur Lebensart gehör¬ten. Das Klima indes ließ den Wein zu den sauren Getränken zählen! Was Wunder, daß Thüringen dafür zu den traditionellen Bierländern aufrückte.
Zu jedem fürstlichen Hof gehörte das Bierbrauen., Braurechte er¬warben und verteidigten die Stadtbürger, nicht nur die patrizischen. Und Schwarzbrauer – weniger hinsichtlich der Bierfarbe als der fis¬kalischen Verpflichtungen – fanden sich allemal und allezeit. Dann die Einschränkung: Nicht erst im letzten Jahrzehnt gingen die vielen eigenständigen und städtischen Brauereien in große und neue Un¬ternehmen ein. Wie beim Wein fließt somit manches bodenständige Bier mehr als >globales< Getränk. Mittlerweile firmiert man jedoch zwischen Altenburg und Meiningen wieder traditionell. Und auch Sorten, Aromen und Stammwürzegehalt folgen alten Rezepturen. So bleiben die thüringischen Biere durchaus probierens- und trinkens¬wert. Am besten versucht man das in Greiz an Europas größter Fa߬bier- und Schankanlage selbst. Trotz aller Konkurrenz vermochte sich beim Bierbrauen Handwerklich-Traditionelles zu halten: ln Sin¬gen bei Stadtilm überstand die in Thüringen als Geheimtip geltende Einmannbrauerei alle Fährnisse der Enteignung durch den ostdeut-schen Staat und braut nach wie vor ihr begehrtes Naß. Schärferes fließt aus der Altenburger Destillerie und Likörfabrik, einem nicht minder traditionellen Unternehmen. Schließlich soll es ganz scharf kommen: Schon im 16. Jh. gab es die Getreide-, Öl- und Senfmühle in Kleinhettstedt zwischen Erfurt und Ilmenau. Seit dem 18. Jh. blieb sie als Morgenrothsche Kunstmühle in privater Hand, und ihre schö¬ne alte Fachwerkarchitektur ist heute lohnendes Besichtigungsziel. Man kann zuschauen, wie Senf entsteht, und dann kann man ihn auch erstehen. Und da sind wir wieder unmittelbar dem nahe, was echt thüringisch ist – der Rostbratwurst.

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