Thüringer Lebensart 2

Aus all dem hier Vorgetragenen erwächst nun die Frage nach dem Thüringer schlechthin. Mit den historischen und jüngsten Verände¬rungen im und um das Land herum ist sie gerechtfertigt, und die Be¬zeichnung erscheint in der Tat weniger als ethnischer denn als ein geographisch motivierter Oberbegriff, unter dem man ebenso die Hessen oder die Sachsen zusammenfaßt. Dort indes gibt es in erster Linie Leipziger, Dresdener und Chemnitzer oder Darmstädter, Frankfurter und Kasseler. Allein die sprachlichen Differenzierungen markieren das. So auch in Thüringen, wo sich die Weimaraner stets ganz vornan fühlten – etwas herausgehoben schon ob ihrer klassi¬schen Tradition und deren kultivierten großherzoglichen Vorgaben. Eisenacher, Gothaer und Erfurter sind Leute von >vor dem Wald<. >Hinter dem Wald< leben die Suhler und die Meiniger, katholisch-ful- disch und fränkisch berührt. Die Reußischen stehen gleichfalls in Tuchfühlung zu den Oberfranken, die osterländischen Altenburger empfinden und sprechen wohl am markantesten ernestinisch-säch- sisch. Alte dynastische und Glaubensgrenzen prägen also Lebensart und Lebenshaltung. Im katholischen Eichsfeld blieb dies so über Jahrhunderte und trotz sozialistischer Umklammerung. Keinesfalls darüber zu vergessen aber die Jenenser: Mit der Universität übernah¬men sic in Thüringen eine geistige Führungsrolle und verliehen durch ihre optische Industrie ganz im Sinn des Begriffs Optik der klassischen weimarischen Denk- und Lebensart den >Drive< ins 20. Jh. und über dieses hinaus in unsere Zeit.
Nach der vorausgegangenen Betrachtung der kulturellen Lebens¬art und der kulinarischen Zwischenbemerkung wird nun eine sprachkundliche erforderlich. Dem Thüringen-Besucher fallen so¬fort zwei Besonderheiten auf: Da ist einmal die Vielschichtigkeit der Sprache, zum anderen hört sich fast überall alles sächsisch an. Die¬sem Eindruck ist nicht zu widersprechen, erinnert man sich der mit der wettinischen Herrschaft begründeten Fürsten- und Herzogtü¬mer, die in der Mehrzahl ja die Bezeichnung Sachsen vor ihren Na¬men trugen. Hier gleich die Korrektur: Thüringen liegt einerseits zwischen den nieder- und den oberdeutschen Sprachräumen und damit im Einflußgebiet jeweils niedersächsischer und obersächsi¬scher, fränkischer und hessischer Dialekte. Sprachforscher ziehen die Grenze zwar mitten durch das Land, doch wo ist eine Sprach- linie deutlicher markiert als mit dem Thüringer Wald oder im Raum zwischen Elster und Pleiße!
Westlich des >Waldes< und in Eisenach, auch noch in Erfurt, kommt eine gewisse A-Vokalität zum Tragen. Sie hört sich hessisch an, denn die Eisenacher sprechen das >Ei< ihres Stadtnamens so aus wie die Frankfurter den Main. Östlich und von Gotha an klingt man¬ches weit dunkler, und das >o< mutiert zu >u<: Gotha wird zu »Gut- ho« oder Stadtroda zu »Stodtrude«. Südwestlich des Thüringer Wal¬des von Sonneberg bis Meiningen trägt das Fränkische die Sprach- melodik. Vor allem >auf< dem Thüringer Wald, richtiger in seinen Tälern, bestehen noch immer ganz eigene Dialekte. So spricht der Schmalkaldener ein fast britisch klingendes hartes >1< und ein hes- sisch-herbornisch-kehliges >r<. Einen echten Steinbach-Hallenber- ger gar sollte man nicht nach dem Weg fragen – man wird ihn einfach nicht verstehen!
Allgegenwärtig indes ist jenes hessisch-bayrisch-thüringische »gell«, das vom abgehackten »ge« bis zum breiten »gelle« mutiert. Woher diese glottale Vielfalt? Eine Quelle für die westthüringische Sprachmelodik vermutet man im Werra-Dreieck und dem dort histo¬rischen Mainfränkischen. In der Zugehörigkeit dieses Landstrichs zum Besitztum des Klosters Hersfeld seit dem 10. Jh., später zum Bistum Fulda, liegt eher eine Begründung. Ähnlich wirkten sich die kulturellen und wirtschaftlichen Einflüsse der Bistümer Bamberg und Würzburg wohl gleichfalls sprachlich auf den südlichen Teil Thüringens aus.
Ein anderer historisch markanter Sprachraum ist Ostthüringen. Der Grenze des slawischen Siedlungsgebietes zwischen Saale und Elster folgt auch eine regionalsprachliche. Hier im Osterländischen zeichnen sich deutlich slawisch-sprachliche Relikte ab: Nicht nur viele Ortsnamen enden auf -itz, -itsch und -itzsch, gleich Zeitz und Leipzig sind Orte wie Köstritz, Liebschwitz oder Zschaschelwitz ein¬deutig slawischen Ursprungs. Und nur hier vermag man das zi- schend-verschleifende »Leipzsch« so unnachahmbar auszuspre¬chen! Mundartliche Besonderheiten verblieben aber auch in tradi¬tionellen Sprachräumen wie dem Eichsfeld und dem Grabfeld um Römhild, wenngleich immer mehr von ihnen verlorengeht. Wie lan¬ge wird man noch im Thüringer Wald die >Täler-Dialekte< sprechen, werden doch heute in einer offenen Welt die jungen Leute nicht nur in der Schule mit den lebenden Sprachen Europas vertraut?
Wird also künftig das >Computer-Kauderwelsch< auch Thüringer Sprachformen so >modernisieren<, daß von dem, was sie einst zum Deutschen zusammenführte, nur noch ein Gerüst bleibt? Immerhin schuf der in Eisleben gebürtige Reformator Martin Luther während seines Zwangsaufenthaltes 1521 auf der Wartburg mit der Bibelüber¬setzung die Voraussetzung dazu, daß sich eine einheitliche deutsche Schriftsprache ausprägen konnte. Der Ostpreuße Johann Gottfried Herder, der Hesse Johann Wolfgang von Goethe, der Sachse Gott¬hold Ephraim Lessing und die Württemberger Christoph Martin Wieland und Friedrich von Schiller trugen inmitten thüringischer Sprachcigcnheiten zum Ruhm der deutschen Dicht- und Sprach¬kunst bei, ja begründeten diesen in der seinerzeit kleinen >Klassiker- stadt< Weimar.

Für mehr Infos: Vietnam Halong bay, Vietnam Rundreise 2 Wochen, Impfungen Vietnam Kambodscha, Saigon to Phu Quoc via Mekong Delta

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