Rundgang 2

Die Reformation hinterließ nicht nur dieses Werk in Jena. Die Stadt wurde zu einem Ort des Streites zwischen den Anhängern Lu¬thers und denen des radikal-reformatorischen Karlstadt, dessen Name uns schon in Orlamünde begegnete. Müntzers Aufrufe hatten in Jena ein breites Echo gefunden: »Antzeygung, wie die gefallene Christenheit widerbracht mug werden« hieß die hier gedruckte Rede des radikalen Predigers Martin Reinhart. 1524, im gleichen Jahr, da sic erschien, trafen Luther, Reinhart und Karlstadt am 22. August zu einem Disput im >Schwarzen Bär< zusammen, ohne sich auch nur im Geringsten zu einigen. Die Aufstände der Bauern im Saale- Tal folgten fast unmittelbar darauf. Den traditionsreichen Namen trägt das Hotel am Lutherplatz noch heute.
Gegenüber, am Platz des mittelalterlichen Stadtherrensitzes und herzoglichen Schlosses, wurde 1908 das von dem Münchener Theo¬dor Fischer erbaute Universitätshauptgebäude eingeweiht. Die Alma Mater Jenensis feierte in diesem Jahr ihr 350jähriges Beste¬hen. Den >heimlichen Stadtherren Jenas< widmete Ferdinand Hodler das Monumentalgemälde, in dem er den Auszug der Jenenser Stu¬denten 1813 für die Befreiung von napoleonischer Unterdrückung so unheroisch und großartig darstellte. Bezeichnenderweise hatte man das Bild während der Nazizeit verschmäht; erst seit den 60er Jahren ist es wieder an seinem ursprünglichen Platz in der Aula der Univer¬sität an beherrschender Stelle zu betrachten. Seit Karlstadt und Reinhart in dieser Stadt ihre Schriften vom Drucker Buchführer ver¬vielfältigen ließen, blieb das Aufbegehren gegen Unterdrückung hier lebendig. Die Niederlage der preußischen Armee gegen Napoleon und sein Heer auf den Höhen im Nordwesten über Jena förderte letztendlich die bürgerliche National- und Befreiungsbewegung, der sich 1813 die Studenten anschlossen. Zwei Jahre danach gründeten sie in Jena die Burschenschaft, ln Cospeda, auf den Höhen nördlich Jenas gelegen, erinnert das Museum mit der >Gedenkstätte 1806< an die Schlachten mit Napoleons Truppen (s. S. 229 f.).
Vom Botanischen Garten zum Carl-Zeiss-Platz
Zwischen Universität und Botanischem Garten führt der Fürstengra¬ben bergan. Seit dem 17. Jh. ist dieser eine Promenade der Stadt und zugleich die via triumphalis der Universität: Ein gutes Dutzend Denkmäler und Standbilder erinnern hier an Jenas akademische Berühmtheiten.
Wo sich heute der Botanische Garten ausdehnt, entstand 1586 ein erster hortus medicus der Universität. Im Inspektorhaus des Botani¬schen Gartens findet man die Goethe-Gedenkstätte. Auf Anra¬ten des Dichters und Weimarer Ministers erhielt das Häuschen 1825 die jetzige Gestalt; vorher schon weilte er oft hier, wo er auch Teile seines »West-östlichen Diwan« schrieb. Überhaupt ist Goethes Bemühen das Entstehen des Botanischen Gartens in dem bislang vom Herzog als Lustgarten genutzten Gelände zu danken.
Unmittelbar am Botanischen Garten steht das Zeiss-Planetarium, das erste seiner Art, dessen Gebäude 1925/26 von den beiden Architekten Johannes Schreiter und Hans Schlag errichtet wurde. Griesbachs Garten schließt sich an. Das Grundstück des Theologen ließ die Weimarer Herzogin Maria Pawlowna zu einem Literaten-und Künstlertreffpunkt ausgestalten, und auf ihren Wunsch hin wur¬de auch das Goethe-Denkmal aufgestellt. Heute hat hier die Univer¬sitätsverwaltung ihren Sitz.
Nicht allzuweit entfernt flankieren die barocke Friedens- und die romanische Johanniskirche die Goetheallee. Von dort ge¬langt man am Johannistor vorbei und hinter dem Zeiss-Werk entlang zu drei weiteren Denkmälern: Auf dem Carl-Zeiss-Platz steht das Abbe-Denkmal. Diesen gloriettenartigen Achteckbau zum Gedenken an den Physiker Ernst Abbe (s. u.) entwarf Henry van de Velde 1911 in verhalten monumentalisierenden Formen, wie sie sich in der Zeit nach dem Jugendstil entwickelten. Das flache Kuppeldach gipfelt nicht auf, sondern hegt ein, was hinter den pfei¬lergerahmten Öffnungen sichtbar ist. Der Belgier Constantin Meu- nier, der große pathetische Realist, schuf die Reliefs >Denkmal der Arbcit< im Inneren, sein deutscher Zeitgenosse Max Klinger das Abbe-Bildnis. Als Zeugnis seiner Zeit besitzt das Abbe-Denkmal weit über Jena hinaus Bedeutung.
Zum Revolutionären und zur geistigen und naturwissenschaftli¬chen Innovation, die von Jena aus befruchtet wurde, gesellt sich als drittes für die Stadt wesentliches Element die umfangreiche Industri¬alisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jh. 1846 war der Mechaniker Carl Zeiss aus Weimar nach Jena gezogen und hatte hier seine opti¬sche Werkstatt für den Bau von Mikroskopen und die Wartung der technischen Geräte der Universitätsinstitute eingerichtet. Die Um¬stellung dieses Handwerkbetriebes auf industrielle Fertigung oblag dem Physiker Ernst Abbe, der seit 1866 eng mit Zeiss zusammenar¬beitete. Ein dritter kam noch hinzu: Otto Schott. Der Rheinländer hatte in Jena studiert und baute 1884 ein erstes glastechnisches Ent¬wicklungsunternehmen auf, das sogleich mit dem wissenschaftli¬chen Gerätebau von Zeiss und Abbe zusammenzuarbeiten begann. Jenas technisch-industrielle >Kernfusion< war erfolgt. In der Tat ging nun die Entwicklung explosionsartig vonstatten. Nach Carl Zeiss’ Tod gründete Ernst Abbe 1889 die Carl-Zeiss-Stiftung und schloß in diese das inzwischen aufgebaute Schottsche Glaswerk mit ein. Der Eisenbahnanschluß Jenas seit 1875 öffnete dem ersten thüringischen industriellen Großunternehmen neue Transportwege. Die Stadt wuchs, die Zahlen der Beschäftigten bei Zeiss schnellten zwischen 1900 und 1913 von 1000 auf fast 4700 und bei Schott von etwa 360 auf weit über 1000. Die Werksanlagen von Zeiss drängten in die Stadt, die sich auszudehnen begann, so daß sie bereits seit einem halben Jahrhundert mach oben<, in Hochhäuser, ausweichen müs¬sen. Dem Schottschen Glaswerk blieb am Südrand der Stadt zwi¬schen Galgenberg und Saale noch genügend Raum. Abbe hat mit der Gründung der Carl-Zeiss-Stiftung »den Mißbrauch unternehmeri¬scher Macht« einzuschränken versucht. Sein Verdienst bleibt die enge Zusammenführung von industrieller Produktion und universi¬tärer Forschung in Jena. Das Ergebnis seiner Bemühungen im sozia¬len Bereich ist vom erwähnten Galgenberg, dem Landgrafenberg oder dem Jenzig – den schönsten Aussichtsplätzen Jenas – zu erken-nen: Rings um die Stadt wurden für die Mitarbeiter des Zeiss-Werkes ausgedehnte Wohn- und Siedlungsgebiete geschaffen, die sich weit im Tal und an den Hängen hinziehen.

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