Politische Weichenstellungen …

Die in Thüringen allenthalben erbärmlichen Lebensverhältnisse der Arbeiter und kleinen Lohnempfänger standen in schroffem Ge¬gensatz zum vielerorts sichtbaren noch höfisch geprägten und doch neureichen Lebensstil. Gerade die räumliche Enge und die dichte Nachbarschaft von Städten und Fabriken sowie der Mangel an so¬zialer Sicherung förderten Aufbegehren und Streben der Arbeiter¬schaft nach einer eigenen politischen Interessenvertretung. So rück¬ten vor allem drei große thüringische Städte in der zweiten Jahrhun¬derthälfte in den Blickpunkt deutscher Geschichte. 1869 trafen in Eisenach erstmals Arbeiter- und Volksvereine zusammen, um eine Vereinigung aller Sozialdemokraten der deutschen Lande herbeizu¬führen. Dabei kam es zur Bildung der >Eisenacher< oder Sozialdemo¬kratischen Arbeiterpartei. Sechs Jahre danach konnten dann die bei¬den, zunächst in vielem uneinigen Gruppen der >Eisenacher< und der >Lasalleaner< auf einem Vereinigungskongreß 1875 in Gotha zu¬sammengebracht werden. Das geschah in den Kaltwasserschen Sä¬len, dem späteren Tivoli. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutsch- lands< entstand. Einen dritten politischen Schritt vollzog die Sozial-demokratie 1891 in Erfurt in den historischen Theater- und Kon¬greßsälen, just da, wo 1791 Schillers »Don Carlos« zum ersten Male aufgeführt wurde und 1808 sich der europäische Hochadel mit Na¬poleon und Zar Alexander I. zum Erfurter Fürstenkongreß zusam¬mengefunden hatte. Seit 1965 waren die Kongreßsäle verfallen, sie sind heute baulich erneuert, restauriert und heißen wieder und in Anlehnung an den Fürstenkongreß >Kaisersaal<. Zurück ins Jahr 1891: August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Paul Singer verkünde¬ten hier als poltisches Signal im Zeichen der Überwindung des Bis- marckschen »Gesetzes gegen die Gemeingefährlichkeit der Sozial¬demokratie« ihr »Erfurter Programm«. Das Wort vom >roten Thürin¬gern – analog dem >roten Sachsen< – bestätigte sich, denn schon 1911 gewann die Sozialdemokratie im Landtag von Schwarzburg-Rudol¬stadt die absolute Mehrheit, das Zentrum des großen Streiks der Tex¬tilarbeiter im Vogtland 1905 lag in Gera, wo bereits 1890 Kämpfe ge¬gen die Fabrikordnungen ausgefochten worden waren.
In diesem sozialpolitischen Spannungsfeld fachten die Belastun¬gen des Ersten Weltkrieges die Unzufriedenheit noch weiter an und ließen sie schließlich ab 1917 in Form von mächtigen Streiks explo¬dieren. Im Mai 1918 vereinigten sich acht der thüringischen Klein¬staaten zum Land Thüringen. Mit dem Gemeinschaftsvertrag vom 4. Januar 1920 wurde das Land Thüringen gegründet – jedoch unter Ausschluß des seit dem Reichsdeputationsschluß von 1802 preußi¬schen Gebietes um Erfurt, Mühlhausen und Nordhausen mit dem Eichsfeld sowie Schmalkalden und des 1919 ausgerufenen »Volks¬staates Reuß«.
Parallel zu den radikalen Bestrebungen, in der Weimarer Republik sozialistische, ja wie in Gotha proletarische Staatssysteme aufzubau¬en, versuchte der Mitbegründer der Deutschen Vaterlandspartei, Wolfgang Kapp, durch seinen Putsch im März 1920 eine Militärdik¬tatur zu errichten. In Mecklenburg und Vorpommern, in Berlin, im Rhein-Ruhr-Gebiet, besonders aber auch in Thüringen und Sachsen kam es zu heftigen Kämpfen zwischen der organisierten Arbeiter¬schaft und den Reichswehrtruppen. Mit einem Generalstreik wurde die Drei-Tage-Herrschaft der Kapp-Regierung beseitigt. Auf dem Weimarer Hauptfriedhof erinnert das 1922 von Walter Gropius ent¬worfene Ehrenmal für die Kämpfer, die in den Auseinandersetzun¬gen mit den Kapp-Putschisten gefallen waren, an jenes dunkle Kapi¬tel der Thüringer Geschichte. Nachdem die Thüringer Arbeiterpartei 1923 gewaltsam niedergeschlagen worden war, wendete sich das po¬litische Blatt. Bereits 1930 zog die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) in die thüringische Landesregierung ein. Ihr Minister Wilhelm Frick amtierte zwar nur kurze Zeit, gab jedoch be¬reits künftige Entwicklungen zu erkennen. 1932 erlangte die NSDAP erneut die Beteiligung an der Regierung, und diese schaltete nun der »Reichsstatthalter« Fritz Sauckel weitgehend aus.
Thüringen wurde zum Industriestandort, ausschließlich der Rü¬stung dienlich. In unmittelbarer Nähe der Klassikerstadt Weimar – wenn auch versteckt hinter der Anhöhe der Ettersberge – errichteten die Nationalsozialisten als eines der ersten und größten das Konzen¬trations- und Vernichtungslager Buchenwald. In den Kalkfelsen des Jonas-Tals bei Arnstadt und an den Hängen bei Niedersachswerfen nahe dem Harz legten sie die Montagehallen für ihre alles vernich¬tende Kriegsmaschinerie an. Noch heute gibt die Landschaft die Narben zu erkennen, und Gedenkstätten erinnern an die Opfer, die in Buchenwald und seinen Nebenlagern umgebracht wurden. Am 11. April 1945 gelang es den Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald, sich selbst zu befreien, noch ehe die amerikanischen Truppen das gesamte Land Thüringen besetzten, welches ab Sommer 1945 zur sowjetischen Besatzungszone kam. Zu Ende ging damit die grausame Geschichte des Ortes nicht, denn die Sowjets nutzten ihn im gleichen Sinne einige Jahre als Straflager weiter.

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