Mühlhausen 4

Während der Blütezeit Mühlhausens und parallel zum Neubau der Blasiikirche ließ der Deutsche Ritterorden seit 1317 ein neues Gotteshaus an der Stelle errichten, an der schon eine romanische und die durch Grabungen nachgewiesene erste ottonische Kirche ge¬standen hatte: St. Marien sollte die zweitgrößte Kirche Thürin¬gens nach dem Erfurter Dom werden. Im frühen 14. Jh. sah man im Hallenbau einen Idealtyp für große städtische Gemeindekirchen, und so legte man die Marienkirche als fünfschiffigen Bau an. Der schmale Haupt- und die zwei Nebenchöre waren 1327, Langhaus und Querschiff erst in der zweiten Hälfte des 14. Jh. fertiggestellt. Die Architektur ist hochgotisch, schlank proportioniert und doch kompakt. Die quergestellten Scitenschiffdächer sind mit Giebeln und Wasserspeiern geschmückt. An den Einzelformen erkennt man unterschiedliche Bauabschnitte und Meisterhandschriften zunächst rheinischer, dann heimischer Prägung.
Einen besonderen Rang nehmen die Querhausfassaden ein, vor allem die südliche. Diese flankiert unmittelbar die mittelalterliche Hauptstraße. Man bediente sich hier in Architektur und Bild¬schmuck der Stilelemente der klassischen Kathedralgotik. Erhöht im unteren Fassadenteil, steht das große Stufenportal mit seinem im 19. Jh. erneuerten Figurenschmuck. Darüber befindet sich ein Al¬tan, von dem herab sich in weitem Abstand voneinander vier Figu¬ren beugen. Sie stellen Kaiser Karl IV., seine Gemahlin Elisabeth von Pommern sowie einen Hotbeamten und eine Hofdame dar. Oberhalb und parallel zu diesen Figuren sowie zu den Bogen der majestätischen Dreifenstergruppe sind die Anbetung der Heiligen Drei Könige und im Giebel Christus als Weltenrichter in der Man- dorla, umgeben von Maria und Johannes und zwei Engeln mit den Passionswerkzeugen, versinnbildlicht. Dieses Programm symboli¬siert die mittelalterliche Rcichsidee, war also ein einst hochpoliti¬sches Zeichen. Für die des Lesens weitgehend noch unkundige breite Bevölkerung der Stadt und ihres Umlandes drückte es in der christlichen Bildsprache den Anspruch der weltlichen Macht aus: Der Kaiser tritt als Statthalter Christi auf und wird damit zugleich bildhaft eingebunden in den Kreislauf von irdischer Geburt (in der Anbetung), während sich die Ewigkeit seiner Macht in der ewigen Wiedergeburt Christi manifestiert. Als Kennzeichen seiner Reichs¬idee steht schließlich das Bild des Weltenrichters. Allein dieses mo¬numentale Bildzeugnis eines Bauwerks und dessen Einmaligkeit – bekannte ähnliche Beispiele sind entweder später entstanden oder zeigen nur eine oder mehrere Figuren, aber kein solch komplettes Programm – unterstreichen die Bedeutung und vor allem das Selbst¬bewußtsein der alten Kaiser- und Reichsstadt. Vielleicht war es ein letzter Aufruf, das mittelalterliche zentralistische Weltbild zu bewah¬ren. Denn 1380, in dem Jahr, in dem die Fassade möglicherweise vollendet wurde, begannen sich die sozialen Widersprüche und der Schwund an kaiserlicher Zentralmacht, welche dann im frühen 15. Jh. hervortraten, schon abzuzeichnen. Einen aktuellen Bezug be-saß die Mühlhäuser Darstellung zur Huldigung der Nürnberger Bür¬ger an Karl IV. im Jahre 1349 – möglicherweise entstand in dieser Zeit die Idee zu der Fassadengestaltung. Aus dem Prager Umkreis Karls IV. mögen auch die Bildhauer gekommen sein.
Immer noch fehlten der Kirche die repräsentativen Türme. Dem Turmneubau, den man 1542 in Angriff nahm, setzten die Ereignisse der Folgejahrzchnte mit den Bauernaufständen und den innerstädti¬schen Veränderungen sowie deren Folgen ein Ende. Erst im 19. Jh. gab der Baumeister Friedrich August Stüler mit seinem Entwurf zur Wiederherstellung der in schlechten Bauzustand geratenen Kirche auch die entscheidenden Impulse für die Vollendung des großen Tur¬mes. Die Preußische Bauakademie – hier besonders die Architekten J. H. F. Adler und O. Hoßfeld – förderte mit kaiserlicher Unterstüt¬zung das Unternehmen, bei dem der Mühlhäuser Baumeister und Architekt Röttscher in enger Anlehnung an Stülers Pläne 1898-1901 den gewaltigen, 86 m hohen Turm fertigstellte – höher, als ihn Stüler vorsah, und feingliedriger, so daß an diesem Bau erneut ein kaiser¬lich mitgetragenes Symbol entstand. Einen hervorragenden bau- und kunstgeschichtlichen Überblick zu diesem Turmbau und zur Kir-chenrestaurierung vermittelt das Turm-Museum in St. Marien.

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