>Gesichts<-Wandel

Vier Jahrzehnte DDR zeichneten Landschaft und Städte auf ihre Wei¬se. Die Plattenbau-Großsiedlung Lobeda dehnte Jena weit nach Sü¬den aus. In der Kerngestalt gleiche Bauten errichtete man an den Hängen um Eisenach und um Suhl. Dessen autogerechte Umgestal¬tung folgte Vorstellungen, wie man sie damals in vielen Orten Deutschlands verwirklichte. Andere Städte hingegen – Mühlhausen, Meiningen und letztlich sogar Erfurt – überraschen in ihrer histori¬schen Geschlossenheit; kleinere wie Schmalkalden, Lobenstein oder Schmölln verblieben in einer Art baulichem Dornröschenschlaf. Seit 1990 veränderte sich alles wie kaum je in einem so kurzen Zeitraum: Vielgestaltiges, Farbiges ersetzt nun die Monotonie der >Platten<, und Altstädte gewinnen ihr historisches Flair zurück. Zugleich aber ver¬schwimmen einst festgefügte Stadtbilder in die Landschaft hinein: Ihre neuen breiträumigen Gewerbegebiete tragen mit sichtbarem Streben nach rascher Amortisation des Investierten wenig zur Ver¬schönerung des Landschaftsbildes bei.
Und das veränderte sich gleichfalls. Wildnis und Unwegsamkeit auf den Höhen von Thüringer Wald und Schiefergebirge sind längst Schienen- und Asphaltwegen gewichen. Noch gründlicher beseitig¬ten agrarische Rationalisierung und sozialistische Landwirtschaft die >Lieblichkeit< der Goldenen Aue. Man spürt noch die >Rauheit der Rhön<, den Winter Oberhofs und den Duft des Inselsbergs.
Eher monströs lagern die Kalibergbauhalden im Werra-Tal und an der Hainleite. Im Uran-Bcrgbaugcbiet östlich Geras und um Ronne¬burg, von der sowjetdeutschen Wismut-AG noch bis 1989 ausgcbcu- tet, belastet eine verstrahlte Landschaft die in sie eingebetteten klei- Dörfer. Ihre roten Ziegeldächer gehen, je weiter wir südwärts ge- langen, in das Blauschwarz des Schiefers über. Am Nordrand des Frankenwaldes anstehend, dient der Schiefer seit mehr als einem Jahrhundert als natürliches Baumaterial auf den Höhen des Thürin¬ger Waldes. Einst waren in dem früher sehr waldreichen Thüringen Holz- und Fachwerkbauten verbreitet. Fränkische, sächsische und slawisch geprägte Bautraditionen fanden im Verlauf der Jahrhunder¬te regionale Ausprägungen im Hennebergischen, im Osterländischen und im Eichsfeld. Das Gebiet des traditionellen Fachwerkhaus in Thüringen erstreckte sich zwischen Rhön und der Linie, welche die Flußläufe von Schwarza und Saale bilden. Östlich davon verband man Fachwerk- und Blockbauweise zu landschaftstypischen Baufor-men, während im nordöstlichen Raum bis weit in das Thüringer Becken hinein Lehmbauweise die dörflichen Hausformen prägte.
Noch immer kennzeichnen Klöster, wehrhafte Kirchen, Pfalzen und Burgen aus dem Mittelalter oder deren Ruinen und seit dem 16. Jh. die vielen kleineren und großen Schlösser Thüringens Kultur¬landschaft – nicht etwa nur, wie besungen, entlang der Saale. Das Eichsfeld lebt seit Jahrhunderten mit und von ihnen; und in den al¬ten Residenzen Gotha und Altenburg, Rudolstadt, Schwarzburg und Sondershausen, Schmalkalden und Greiz sind die Schlösser zu¬gleich Stadtkronen, gleichermaßen bauliche Höhepunkte Thürin¬gens. Nicht minder verdeutlichen die historischen Stadtkerne mit Rat- und Bürgerhäusern das Heranreifen merkantiler und hand¬werklich gewerblicher Kraft, deren baukünstlerische Versinnbildli-chung allerdings ohne die Quelle und den Widerpart höfischer Kul¬tur- und Lebensform kaum denkbar gewesen wäre. Und die frühen wie auch die jüngeren industriellen Arbeits- und Lebensräume? Sie veränderten manches an der Landschaft, vor allem im Umfeld der Städte und besonders in den Flußtälern von Werra, Saale und Elster. Nun wandelt sich hier vieles abermals. Die wilden Gebirgsflüsse aus dem Thüringer Wald und dem Schiefergebirge bändigte man längst, staute und nutzte sie im Industriezeitalter für den Bedarf an Energie und Trinkbarem. Die gewaltigen Rohrbündel des Pumpspeicherwer¬kes Hohenwarte II steigen heute die steilen Hänge des Saale-Tals empor, um aus dem oberen Becken das Wasser auf die Schaufelräder der Turbinen stürzen zu lassen. Die Elektrifizierung Thüringens be¬gann 1900 in Ziegenrück mit dem kleinen Wasserkraftwerk für eine Kartonagefabrik – jetzt ist das 1965 stillgelegte Turbinenhaus Denk¬mal und Museum.

Lesen Sie mehr: Vietnam Halong, Vietnam Rundreise 17 Tage, Kambodscha Reiseinfo, Saigon Mekong Delta Phu Quoc

You can leave a response, or trackback from your own site.

Leave a Reply