Die wartburg

Seit 1992 gelangt der Autoreisende vom Westen her über die hoch aufgeständerte Werratal-Autobahnbrücke bei Hörschel ins Thüringi¬sche. In den frühen 30er Jahren angelegt, konnte mit der deutschen Wiedervereinigung dieser moderne Ast der via regia endlich seine Fertigstellung finden. Vorbei an der hessischen Burgruine Blumen¬stein, dem Schloß Nesselröden und der thüringischen Brandenburg nahe dem Ort Lauchröden verlaufen parallel in unterschiedlichen Höhenlagen Fernstraße und Schienenwege nach Eisenach.
Kommt man von Norden her nach Eisenach, so bietet sich ein be¬eindruckender Anblick: Vor der Kulisse des Thüringer Waldes erhebt sich inmitten der städtisch besiedelten Hügel auf etwas zurücklie¬gender Bergkuppe – nicht einmal auf der höchsten – die Wartburg (s. Titelbild). Ihr zinnenbewehrter Bergfried ragt aus der Gebäudegrup¬pe auf, als gebiete er allein über alles Umland. Eben solchen An¬spruch erhebt die Wartburg in der Tat. Noch heute tritt der histori¬sche Sachverhalt deutlich hervor: Die Burg ist weniger Bestandteil der Stadt, als diese vielmehr der Burg ihr Entstehen und ihren Auf¬stieg verdankt. Eine mittelalterliche Sage weiß zu berichten, Graf Ludwig der Springer aus dem Geschlecht der Ludowinger habe wäh¬rend einer Jagd mit zwölf Rittern in seiner Begleitung die Bergkuppe erklommen. Zum Zeichen der Inbesitznahme sollen sie ihre Schwer¬ter in den Boden gerammt und den Entschluß ihres Herrn zum Bau einer Burg vernommen haben: »Warf Berg, Du sollst mir eine Burg werden!« durchzieht seither als landesherrlicher Schwur alle Ge¬schichten um die Burg, wenngleich die sagenhafte Gründung von 1067 durch keine Urkunde belegt ist.
Geschichte …
Der 1080 erstmals erwähnte Burgbau und die bauliche Situation be¬zeugen die Macht der im Aufstieg begriffenen Ludowinger. Da in die gleiche Zeit, zwischen 1062 und 1090, die Gründung der Neuenburg bei Freyburg ebenfalls durch Ludwig den Springer fällt, dürfte er mit beiden Burgen die Eckpunkte seines Herrschaftsgebietes markiert haben. Der frühe Verfall des Stammsitzes der Ludowinger, der Schauenburg bei Friedrichroda, von der nur geringe Reste verblie¬ben, unterstreicht die Neuorientierung auf das weithin offene Gebiet zwischen Hörsei und Unstrut. Der Burgberg beim heutigen Eisenach bot zwei Vorteile: Von ihm aus vermochte man die unmittelbar an seinem Fuß entlangführende via regia einzusehen, während nord- ostwärts der Blick weit ins Hörsel-Tal reichte. Damit gewann die Wartburg eine Schlüsselposition am Hauptzugang des thüringischen Gebietes, das kolonisiert werden sollte. Nachdem das Geschlecht der Ludowinger 1131 mit der Landgrafenwürde belehnt und damit zur ersten bedeutenden Territorialmacht aufgestiegen war, erlangte die Warte Wartburg den Rang einer Residenz; sie blieb sicherer, nie eroberter Etappensitz. Die Neuenburg am östlichen Rand des ludo- wingischen Herrschaftsbereiches erfüllte dagegen eine wesentliche strategische Funktion; entsprechend wurde sie oft belagert, zerstört und erneuert oder erweitert. Allein der Größenverglcich beider Landgrafenburgen unterstreicht ihren unterschiedlichen strategi-schen Rang.
Der Ausbau der Wartburg im Sinne einer prachtvollen Hofhaltung vollzog sich seit 1172 unter dem Landgrafen Ludwig III. und erhob den Ort unter Hermann I. seit 1190 nicht nur zu einem baulichen, sondern vor allem zu einem ersten geistig-künstlerischen Höhe¬punkt höfischer Kultur. Die Epoche mittelalterlicher >Klassik< im deutschen Raum nahm unter anderem hier ihren Ausgang, befruch¬tet von der französischen Hochkultur der Gotik und einmündend in die Bildsprache der zweiten Hälfte des 13. Jh., welche in den Skulp¬turen des Naumburger Doms in einem unnachahmlichen idealisier¬ten Realismus Gestaltung findet.
Unter dem Landgrafen Hermann I. wurden die beiden Burgen bei Eisenach und Freyburg Zentren ritterlichen Kunstzeremoniells, von dem die Troubadoure der Provence liedhafte Kunde brachten. Der Minnesang, jene eigentümliche lyrische Mischung von spirituellen Idealen und weltlich-alltäglichen Erwägungen, fand sein erstes gro¬ßes Forum auf den thüringischen Landgrafenburgen. Heinrich von Veldeke wird mit dem landgräflichen Hof in Verbindung gebracht, seine »Eineit«-Dichtung mag zu einem Teil hier entstanden sein. Dann kam die Blütezeit des Minnesanges: Wolfram von Eschenbach lebte 1203 bei Hofe, verfaßte in dieser Zeit, zumindest abschnittwei¬se den »Parzival«, und Walther von der Vogelweide bestätigte jenes höfisch->weltoffene< Gesicht des geistigen Lebens um den weltnah machtorientierten Landgrafen in seinen Versen. Der theatralisch-li¬terarisch aufgearbeitete Sängerwettstreit auf der Wartburg, historisch durchaus wahrscheinlich, folgte dem klassischen Troubadour-Ritus, wie er um die Mitte des 12. Jh. an schwäbischen und österreichi¬schen Höfen gepflegt wurde.

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