Die wartburg 3

… und ihre Mythen
Bautechnische Untersuchungen im Zusammenhang mit der jüngsten denkmalpflegerischen Erneuerung der Wartburg bestätigten die ver¬mutete Datierung des Palas ins letzte Drittel des 12. Jh.: Die Eichen, aus denen man die mächtigen Deckenbalken für den Speisesaal des Erdgeschosses fertigte, sind etwa 1168 geschlagen worden. Dieser Raum ist der älteste erhaltene Bauteil, die Elisabeth-Kemenate wie auch der Rittersaal ergänzten ihn später als gewölbte Räume. Das Hauptgeschoß nehmen das Landgrafenzimmer und der sogenannte Sängersaal ein. Um 1320 erfolgte der Einbau der Burgkirche, wel¬che einen älteren Kapellenbau ersetzte. Ebenfalls der romanischen Zeit entstammen der Südturm und das Torhaus sowie die äußeren Burgmauern. Nachdem große Teile der Burg bei einem Feuer 1317/18 zerstört worden waren, stellte man das Torhaus in seiner al¬ten Form wieder her, schloß ihm das Ritterhaus an und errichtete die Vogtei sowie den östlichen Wehrgang und sein westliches Pen¬dant – Elisabethen- und Margarethengang genannt. Im Ritterhaus erhielt sich aus spätgotischer Zeit die Diele. In der Vogtei bildet die Luther-Stube einen besonderen Anziehungspunkt.
Mit dem Beginn der wettinischen Herrschaft wurde die Wartburg ein Vogtsitz. Sie rückte aus ihrer zentralen Lage an den Rand der nun wettinischen Lande und verfiel damit in relative Bedeutungslo¬sigkeit. Am 4. Mai 1521 geriet sie unvermittelt in neues historisches Licht: Unter dem Schutzschild des sächsischen Kurfürsten fand der für vogelfrei erklärte Reformator Martin Luther auf dem Rückweg vom Wormser Reichstag Unterschlupf auf der Burg. Für ein knappes Jahr sollte sie nun Kernpunkt der Reformation werden, denn von ihr herab ließ Luther seine Schriften durch die kurfürstlichen Boten ver¬breiten. Im Jahre 1521 entstand wohl auch der legendäre Tinten¬fleck, von Besuchergenerationen in der Luther-Stube immer wieder als Erinnerungsmal millimeterweise abgetragen und von der ge¬schäftstüchtigen Burgenleitung stets rasch erneuert. Die Geschichte um den Fleck mag mit der vom Reformator selbst erwähnten Vertrei¬bung eines Hundes Zusammenhängen, der sich in seiner Lagerstatt verkrochen hatte, herrenlos und von Luther als ein Teufel angese¬hen. Als Waffe gegen den Teufel verstand der Reformator mit Sicher¬heit die Tinte, mit der er seine Schriften verfaßte.
Luthers Übertragung des Neuen Testamentes in die deftige Spra¬che seiner Zeit in nur drei Monaten erscheint als nahezu über¬menschliche Leistung. Der Reformator schuf mit der Bibelüberset¬zung nicht nur die sinnfällige Grundlage für das Anliegen der Refor¬mation, sondern auch den ersten zusammenhängenden Text für die Herausbildung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache. Den unschätzbaren literarischen Rang dieser Arbeit erhellt der Blick auf die gleichzeitigen deutschen Bibeltextübertragungen, die entgegen der wortgewaltigen lutherischen nie Bedeutung erlangt haben und vergessen sind.
Wartburg und Reformation gelten seither als zusammengehörig. Die Burg wurde zum Ort des freien Wortes, zum Freiheitssymbol schlechthin, je nach Eigenverständnis der historischen Zeiten. Das galt ganz besonders für die Befreiungskriege am Beginn des 19. Jh. Drei Jahrhunderte nach Luthers Wittenberger Thesenverkündigung und wenige Jahre nach der Völkerschlacht bei Leipzig fanden sich am 18. Oktober 1817 Studenten der Universitäten von Jena und Leipzig und der norddeutschen Lande hier zusammen, um der allge¬meinen Forderung nach Einigkeit und Freiheit in einem einzigen Va¬terland Ausdruck zu verleihen. Die junge akademische Generation hatte während der Befreiungskriege beispielgebend vornangestan¬den – man vergleiche Ferdinand Hodlers berühmtes Bild vom Aus¬zug der Jenenser Studenten in der Aula der dortigen Universität (s. 226) -, nun forderte sie ein, was von den deutschen Fürsten bisher nur Carl August von Weimar zugestanden hatte: eine Verfassung. Doch die revolutionäre Begeisterung schlug um in Haß: Der Mord am umstrittenen Literaten August Kotzebue sollte eine weitreichen¬de Veränderung einleiten: Was er dagegen unmittelbar bewirkte, war die Rückkehr zur Despotie und das Ende der Burschenschaften. Mit dem Wartburgfest begann und endete zugleich die akademische Vor¬bereitung der bürgerlichen Revolution von 1848, wenn auch der Gedanke an die Einigkeit im Hambacher Fest 1832 noch einmal beschworen worden war.
Nahmen Johann Wolfgang von Goethe und der Weimarer Gro߬herzog nur mehr als Beobachter Kenntnis vom nationalen Streben der »jungen Brauseköpfe« – wie der Dichter und Hofrat die Studen¬ten nannte -, so bekannten sie sich doch mit ihrer Tat zur Wartburg als einem Symbol der Geschichte von Nation und Fürstenhaus: Auf Anraten des Dichters veranlaßte der Großherzog den Erhalt der Burg. Die eigentliche Restauration begann aber erst 1838 unter Carl Alexander. Sie brachte jenen romantischen Glanz, den wir auch heu¬te noch bewundern können. Legende und Phantasie verbanden sich, um hier der Vorstellung vom einstigen Bauwerk und dem höfischen Geschehen Gestalt zu verleihen. Daß man in den idealisierten Bil¬dern von Landgrafen und Sängern die Weimarer Hofgesellschaft so¬wie literarische und musische Zeitgrößen wiederfinden kann, lag durchaus im Selbstverständnis der Bauherren wie der Restauratoren Friedrich Wilhelm Sälzer und Hugo von Ritgen. Seither ist die Burg als historisches Zeugnis des 19. Jh. unumstritten, in ihrer mittelal¬terlichen Authentizität indes nur vage annehmbar. Dem mittelalterli¬chen Zeitbild des 19. Jh. verleihen Moritz von Schwinds Fresken ei¬nen großartigen visuellen Ausdruck; den originären Baubestand und Bildschmuck aus dem 12. und 13. Jh. interpretieren hingegen die jüngsten denkmalpflegerischen Freilegungen.

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