Die Kultur-Landschaft 2

Und noch etwas fällt dem Reisenden in Thüringen auf: Den ersten Eindruck vieler Städte bestimmen ausgedehnte Siedlungen aus ge¬normten Großplattenbauten neben der Stadt. Das ist in anderen Ländern zwar ähnlich, nur bewirkten die wenigen Varianten und einheitlichen Höhen jener DDR-Bauten deren Monotonie. Bald nannt der Volksmund sie >Schlafregale< oder abgeleitet von den Le¬gebatterien der industrialisierten Landwirtschaft >Intensivhaltun- gen<. Solch ein extensiv betriebener Städtebau ließ die Altstädte ver¬kommen, und die nur noch wenigen Hauseigner besaßen zu wenig Mittel für Erneuerung, die Kommunen zu geringe Baukapazität, um helfen zu können. Auch wenn sich Denkmalschützer und Gemein¬den um den Erhalt der Altstädte bemühten: Zu viel hatten die vor¬aufgegangenen Zeiten schon vernachlässigt, zu wenig war der ost¬deutsche Staat am Alten interessiert. Erst kurz vor seinem Ende ent¬deckte er es als Wert. Große Teile der vom Zweiten Weltkrieg ver¬schonten Städte wie Altenburg oder Hildburghausen gab man damit dem Verfall preis und trug sogar ganze Bereiche in ihnen ab. An ihre Stelle oder in die vom Zweiten Weltkrieg gerissenen Lücken traten – wie in Nordhausen oder Gotha – ohne Gefühl für die historische Stadtgestalt montierte Neubauten. Die alte Kupferschmiede- und Bergbaustadt Ilmenau verschwand nachgerade zwischen den sie um¬gebenden Industrien und den Bauten für die technische Universität. Kaum anders erging es Schwarza unmittelbar neben der Industrie im Saale-Tal und Dorndorf zwischen den Kalifabriken an der Werra. Mit dem Untergang der DDR erwies sich vieles vom hastig Indu-strialisierten als kaum fortbeständig, nicht wenig entstammte sogar, vor allem in der Bausubstanz, noch dem späten 19. und frühen 20. Jh. Als man ab 1991 die alte Maxhütte bei Saalfeld weitgehend ab¬trug, entfiel damit zugleich die von hier ausgegangene hohe Umwelt¬belastung. Im Saale-Tal um Jena verschwand mit dem Ersatz der technisch rückständigen Industrien durch moderne Fertigungsstät¬ten die dort über Jahrzehnte zugehörig erscheinende, sonneverhin¬dernde Dunstglocke. Die Flußwässer von Elster und Pleiße klärten sich mit dem Abbau der veralteten Papier- und Textilindustrie.
Die Kehrseite solcher Deindustrialisierung ist der Verlust vieler Arbeitsstätten und zumindest eines Teils der Tradition Thüringens. Und auf diese blicken sie in der Tat zurück, die Glasbläser von Lau¬scha, die Tuchmacher von Greiz, die Kleineisenschmiede von Schmalkalden, die Waffenschmiede von Suhl und die Spiclzeugma- cher Sonnebergs. Aus dem mittelalterlichen Bergbau und der Eisen¬verarbeitung entwickelte sich in Suhl mit dem Zunftprivileg für Büchsenmacher und Schlosser seit 1563 die Handfeuerwaffen-herstellung. Älter noch sind die Ursprünge der Industrien von Schmalkalden und Ilmenau, wo gleichfalls Kupfer-, Eisen- und Sil¬berförderung die Grundlage für die handwerkliche Metallgeräteferti¬gung bildeten. Seit 1323 waren die Minen in Ilmenau in Betrieb, 1397 tauchten Schmalkaldener Eisenwaren auf den Handelsplätzen in Frankfurt/Main auf. 1539 brachten protestantische Niederländer die zur Herstellung glatter Gewebe erforderlichen Kenntnisse nach Gera mit. Sie legten damit den Grundstein für die Textilindustrie des 19. und 20. Jh. in den ostthüringischen und vogtländischen Städten.
Den Sprung zum Industrieland vollzog Thüringen im späten 19. Jh., als die Ruhlaer Messerschmiede sich der Uhrenproduktion zuwandten, die Glasherstellung und der Bau optischer Geräte den Wcltruhm Jenas begründete, die Eisenacher Fahrzeugfabrik 1000 Ar¬beiter beschäftigte, in Altenburg drei große Nähmaschinenfabriken entstanden, Saalfeld mit der nahegelegenen Maxhütte sich zum Ort industrieller Roheisengewinnung, Eisenverarbeitung und des Ma¬schinenbaus wandelte, Apolda ein >thüringisches Manchester und Gotha die Stadt des Straßenbahnbaus wurden.
Handel und Gewerbe hatten also die Grundsteine für die Entfal¬tung des territorialfürstlichen Wohlstandes gelegt. An den Höfen von Gotha, Sondershausen, Meiningen, Rudolstadt, vor allem aber in Weimar sammelten sich die großen Geister ihrer Epochen, während in den >Armenhäusern<, den Bergdörfern, auch mit der Industrialisie¬rung im 19. Jh. der krasse soziale Gegensatz zu fürstlicher Hofhaltung und patrizisch-industriebürgerlichem Reichtum bestehen blieb. Nicht zuletzt dies erhellt, weshalb sich gerade im Thüringischen die Arbei¬terschaft so früh zu formieren begann. 1869 gründete sich in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands, und 1875 fand in Gotha der Vereinigungskongreß der mit unterschiedlichen Pro¬grammen angetretenen >Eisenacher< und >Lassalleaner< statt.

Für mehr Infos: Vietnam Rundreise günstig, Kambodscha Reiseroute, Mekong Flussreisen

You can leave a response, or trackback from your own site.

Leave a Reply